Die Blutzuckerwerte bei Typ-F

22. März 2017 InsulinJunkie

Im Oktober 2015 habe ich meinen ersten und bisher einzigen Gastbeitrag auf insulinjunkie.de veröffentlicht und nun folgt der zweite. Ich bin Matthias’ Freundin und damit seither Typ-F Diabetikerin. Diesen Begriff habe ich auf meinem ersten T1Day vor gut drei Jahren kennengelernt und mag ihn sehr: Typ-F sind Familie und Freunde von Diabetikern. In dieser Funktion habe ich kürzlich das FreeStyle Libre mal selbst getestet und möchte meine Erfahrungen mit euch teilen.

Das Flash Glukose Messsystem interessiert mich schon, seit ich zum ersten Mal davon gehört habe und so ergriff ich die Chance und sicherte mir eines von den Gratis-Exemplaren, die Abbott vor ein paar Wochen aktionsweise verschenkte. Für Matthias und mich war es einfach mal spannend zu sehen, was denn ein “gesunder” Blutzucker so den ganzen Tag macht. Außerdem habe ich mir persönlich davon erhofft, vielleicht auch Matthias’ Werte besser zu verstehen und ein realistisches Gefühl für Schwankungen, Verzögerungen und Verläufe zu bekommen. Denn obwohl ich mich nun schon einige Jahre an seiner Seite mit dem Thema Diabetes intensiv auseinandersetze, sind mir bestimmte Fragen immer noch nicht so 100%ig klar. Beispielsweise weiß ich, dass man heftige Blutzuckerschwankungen möglichst vermeiden sollte, Schwankungen in einem gewissen Rahmen aber okay sind. Aber was bedeutet das ganz konkret? Was ist denn ein guter Rahmen? Und was ist zu viel? Auf solche Fragen wollte ich durch den Vergleich mit meiner “gesunden” Blutzuckerkurve eine bessere Antwort erhalten.

Als das Libre eines abends in der Post war, war ich ziemlich aufgeregt. Das Setzen hatte ich vor einiger Zeit an Matthias schonmal geübt und mit der Anleitung ging das auch ganz gut alleine. Nach kurzem Motzen, nachdem ich mir die Nadel in meinen Arm gejagt hatte und das doch kurz weh tat, war auch schon wieder alles gut. Das Sony Xperia diente als Lesegerät und beim Einrichten der App erwartete mich auch schon die erste Hürde, die es wohl nur für Typ-Fler gibt: Ich kann den unteren Wert des Zielbereichs nicht unter 70 mg/dL definieren. Der “normale” nüchterne BZ liegt aber bei ca. 60-100. Nach etwas Überlegen stellte ich den Zielbereich dann auf 70 – 100 ein, denn schließlich sollte sich ein gesunder BZ ja relativ schnell wieder in diese Richtung regulieren. Nun saß ich ganz aufgeregt rum und wartete auf meinen ersten Wert nach der Aktivierung des Sensors. Der lag bei genau 70 und sank dann nachts erst einmal auf schwankende Werte zwischen 40 und 50. Gleich darauf folgte mein erstes eigenes Dawn-Phänomen: mit dem Klingeln des Weckers stieg mein BZ von 89 auf 114 innerhalb einer Stunde. Dann brauchte er zweieinhalb Stunden, um wieder auf ein normales Level zu sinken. Den ersten Tag verbrachte ich mit ständigem Scannen, denn auch wenn ich den Sensor am Arm schon sehr schnell nach dem Setzen nicht mehr gemerkt habe, war mein Kopf total in dieses Projekt vertieft. Die Scan-Abstände normalisierten sich aber über die Tragezeit und ich konnte mich auch wieder auf andere Dinge konzentrieren.

Nun lief ich also mit dem FreeStyle Libre herum und gewann schnell einige interessante Erkenntnisse:

  1. Auch die BZ-Kurve eines Menschen ohne Diabetes schwankt ziemlich heftig. Bei mir zwischen etwa 40 und 150. Dabei gibt es teilweise auch ziemlich rasante Anstiege und Abfälle, die ich so ehrlich gesagt nicht unbedingt erwartet hätte.Mit dieser Erkenntnis sehe ich auch Matthias’ Schwankungen etwas entspannter.
  2. Die Unterschiede zwischen schnellen und langsamen Kohlenhydraten konnte ich auch auf meiner Kurve sehr gut sehen – Obst ist super fix, Vollkornbrot ziemlich langsam. Keine bahnbrechende neue Information, aber trotzdem schön zu sehen.
  3. Während des Sports bleibt mein Blutzucker erst einmal ziemlich konstant, fällt dann aber bei höherer Belastung und direkt nach Ende der Sporteinheit relativ rapide ab.  Bei Matthias ist das eher umgekehrt: er muss während des Sports Zucker zuführen, weil der BZ abfällt und nach dem Sport steigt dieser dann ziemlich rasant an (vermutlich auch wegen der extra
    aufgenommenen Kohlenhydrate). Was wir daraus genau lernen können, muss ich noch herausfinden.
  4. Torte hält meinen Blutzucker ziemlich lange oben – vielleicht die Kombination aus Kohlenhydraten und Fett? Oder lag es möglicherweise auch mit an dem Kaffee, den ich dazu hatte?
  5. Auch mein Blutzucker verhält sich bei gleicher Zufuhr von Kohlenhydraten nicht jeden Tag gleich. Mal bringt ein Frühstück aus einem Apfel, etwas Orangensaft
    und Erdmandelflocken ihn zum Steigen, zwei Tage später passiert nach dem gleichen Frühstück überhaupt nichts. Also hält sich auch ein gesunder Blutzuckerspiegel nicht immer an die Lehrbuch-Regeln – was es für Diabetiker sicher nicht einfacher macht.
  6.  Manchmal habe ich ein Unterzucker-Gefühl, dass aber offenbar garnichts mit meinem Blutzucker zu tun hat – sondern vielleicht eher mit meinem Kreislauf? In meiner Testphase hatte ich eben dieses Gefühl, lag aber bei Werten zwischen 91 und 115.
  7. Ein Matchashake zum Frühstück lässt meinen Blutzucker von 90 auf 112 steigen und er sinkt für die nächsten 5 Stunden nicht mehr in den nüchternen Bereich zurück. Liegt es an dem Matcha, oder an dem Klecks Agavendicksaft? Oder war das vielleicht nur einer dieser Tage, an denen mein Körper einfach merkwürdig war und sich nicht “normal” verhalten hat?
  8. Wenn man ein Sony Xperia Z3 Compact auf den Boden fallen lässt und das Display springt, kostet das 189€ und dauert zwei Tage für die Reparatur Dafür sind sie bei Reparo in Wiesbaden allerdings sehr nett und lassen einen zwischendurch nochmal den Sensor scannen, damit man nicht allzu viele Daten verliert.

Nach zehn Tagen ist mein FreeStyle Libre ausgefallen und hat behauptet, der Sensor sei abgelaufen. Also habe ich mal eine Email an Abbott geschrieben und mit etwas Glück schicken sie mir vielleicht einen neuen als Ersatz und ich kann einen zweiten Testlauf machen. Jedenfalls hat der erste sich für mich schon absolut gelohnt. Mein geschätzter HbA1c liegt bei 4,8% und den Sensor habe ich super gut vertragen – kein Jucken oder sonstiges. Der Kleber war sogar so fest, dass das Abmachen nach zehn Tagen schmerzhafter war, als das Setzen… Die Stelle war ziemlich rot danach, die Hautirritation ging aber nach einem Tag wieder weg. Einige Dinge, die ich von Matthias’ Werten kenne, habe ich bei mir auch wiedergefunden – und ich bin sehr froh, dass mein Körper sich um die Blutzuckerregulierung selbst zuverlässig kümmert. Die Erkenntnisse über den Rahmen von Blutzuckerschwankungen und die Wirkung von unterschiedlichen Kohlenhydraten sind auf jeden Fall nützlich. Und es bleibt als ernüchternde Einsicht, dass das Diabetesmanagement sicher auch deshalb manchmal ziemlich anstrengend und nervig ist, weil sogar ein gesunder Blutzucker manchmal unerklärliche Dinge tut – wie soll man da als Diabetiker immer wissen, was zu tun ist?

Mein Fazit: Ich teste gern Diabetes-Equipment, wenn sich die Chance dazu bietet. Es hilft mir, Matthias besser zu verstehen und vielleicht das ein oder andere nachzuvollziehen – auch wenn ich selbst “nur” Typ-Fler bin. So ging es mir schon mit dem Test der Pumpe vor eineinhalb Jahren und dieses Mal war es ähnlich.

Wie seht ihr diese Aktion? Haben eure Freunde und/oder Familie auch schon Messgeräte, Pumpen oder ähnliches ausprobiert? Helfen euch die Erkenntnisse aus solchen Experimenten oder konzentriert ihr euch lieber nur auf eure eigenen Werte? Ich würde mich freuen, einen Einblick in eure Sicht der Dinge zu bekommen und freue mich auf Kommentare, Fragen und Meinungen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.